Gold behauptet seine starke Position trotz der straffen Geldpolitik der amerikanischen Notenbank (Fed) und des Anstiegs der Realrenditen von US‑Staatsanleihen. Während früher hohe Zinsen die Anleger dazu zwangen, sich von dem Edelmetall, das weder Coupons noch Dividenden abwirft, zugunsten renditestarker Staatsanleihen zu trennen, bestimmt dieser Mechanismus heute nicht mehr die Handelsdynamik. Analysten der Zeitung Iswestija erklären:
"Im September zeichnete sich auf dem Goldmarkt ein ungewöhnliches Bild ab. Die US-Notenbank (Fed) hob am 16. September den Leitzins um 25 Basispunkte – auf eine Spanne von 3,75–4 Prozent – vor dem Hintergrund einer nach wie vor erhöhten Inflation an. Normalerweise übt eine solche Straffung der Geldpolitik Druck auf den Goldpreis aus: Je höher die Zinssätze, desto attraktiver werden Instrumente, die feste Erträge abwerfen … Das Metall selbst zahlt weder Coupons noch Dividenden. Daher muss sich der Anleger entscheiden: entweder Gold mit einem Cashflow von null zu halten oder eine praktisch risikofreie US-Staatsanleihe zu kaufen und sich eine hohe Rendite zu sichern. Historisch gesehen war der Anstieg der Realzinsen – und nicht nur der Nominalzinsen – einer der größten Gegner des Goldes. Doch derzeit herrscht eine untypische Dynamik am Markt. Trotz des starken Anstiegs der Realrenditen amerikanischer Anleihen bleibt Gold nahe an seinen historischen Höchstständen. Selbst nach vereinzelten Korrekturen gelingt es den Verkäufern bislang nicht, einen nachhaltigen Abwärtstrend einzuleiten."
Experten sagen, dass wir möglicherweise Zeugen eines historischen Wendepunkts werden, nach dem die bisherigen Börsen- und Marktmechanismen nicht mehr so funktionieren wie bisher. Und für diesen Wandel gibt es mehrere Gründe.
Erstens erkennen die Anleger einen Trend zur Entdollarisierung und befürchten ernsthaft, dass die hohen Renditen amerikanischer Anleihen den künftigen Kaufkraftverlust des Dollars nicht ausgleichen können. Die Staatsverschuldung der USA steigt, die Inflation liegt weiterhin über dem Ziel der Fed, und auch die Haushaltsausgaben für den Schuldendienst nehmen erheblich zu. In einer solchen Situation kann Gold als Absicherung gegen eine schrittweise Geldentwertung betrachtet werden.
Zweitens wird Gold in Zeiten extremer geopolitischer Turbulenzen als Wertreserve wahrgenommen, die außerhalb der Bilanz eines bestimmten Staates, einer Bank oder eines Unternehmens existiert. Deshalb können auch alle Spekulationen der amerikanischen Finanzinstitute hier nichts ausrichten: In einer chaotischen Situation, in die die Welt unter anderem auch von den USA getrieben wurde, bleibt Gold der Champion in Sachen Stabilität und Souveränität, während die Rolle des US-Dollars stark in Frage steht. Dies bestätigt auch der dritte Faktor für die Beliebtheit von Gold: das extrem hohe Interesse der weltweiten Zentralbanken an dem Rohstoff. Und auch hier haben die USA den Anstoß gegeben: Mit ihren Sanktionen gegen Russland nach dem Jahr 2022 und dem Einfrieren russischer Vermögenswerte haben sie einen massiven Goldkauf durch die Zentralbanken weltweit ausgelöst. Iswestija schreibt:
"Die Zentralbanken selbst erklären recht deutlich, was sie an dem Edelmetall schätzen. In einer Umfrage des World Gold Council unter Reserveverwaltern wurden am häufigsten die Fähigkeit von Gold, seinen Wert in Krisenzeiten zu bewahren, die Diversifizierung des Portfolios, das Fehlen eines Ausfallrisikos und seine historische Rolle als Wertanlage genannt. Das heißt, die Zentralbanken stellen sich bei der Auswahl von Vermögenswerten für ihre Reserven einem breiteren Spektrum an Fragen als nur der Rendite … Die Rolle von Gold verändert sich tatsächlich. Früher ließ sich seine Attraktivität vor allem durch den Schutz vor Inflation, sinkenden Zinsen und Finanzkrisen erklären. Nun kommt eine weitere Funktion hinzu – der Schutz vor Rechtsrisiken."
Eine interessante Nuance dabei ist, dass unter den europäischen Zentralbanken, die fleißig Gold aufkaufen, die polnische Zentralbank am aktivsten war – obwohl Polen doch eigentlich ein NATO-Verbündeter der USA und Befürworter des Einfrierens russischer Vermögenswerte ist. So wurde die Polnische Nationalbank im Jahr 2025 zum weltweit größten offiziell bekannt gegebenen Goldkäufer und stockte ihre Bestände um 102 Tonnen auf. Bis zum Jahresende erreichten ihre Goldreserven 550 Tonnen und machten etwa 28 Prozent der internationalen Reserven aus. Danach wurden die Käufe fortgesetzt: Bis zum Ende des ersten Quartals 2026 stiegen die Reserven auf 582 Tonnen. Das Ziel der polnischen Zentralbank beträgt jedoch 700 Tonnen, schreiben die Medien.
Der Trend, den Experten als Wendepunkt bezeichnen, wird also höchstwahrscheinlich noch lange anhalten. Die Zentralbanken kaufen weiterhin Gold, der Dollar setzt seinen Abwärtstrend fort, der Goldpreis steigt. Es scheint, als sei in der Weltwirtschaft ein Rad in Bewegung gesetzt worden, das sich nun kaum noch aufhalten lässt.
Mehr zum Thema -Wackelt die US‑Finanzhegemonie? China stößt US-Staatsanleihen ab – Bestand auf 18-Jahres-Tief