Von Alexei Wagin
Im September überraschte die Europäische Union die Welt erneut mit dem Missverhältnis zwischen ihren Ambitionen und der aktuellen wirtschaftlichen Lage der Alten Welt. Am 16. September 2026 schlug die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen Kanada vor, das erste "assoziierte Mitglied" der Europäischen Union zu werden. Ein rechtlicher Inhalt dieses Status ist bislang noch nicht vorhanden. Es handelt sich um eine Initiative, die noch konkretisiert werden muss.
Natürlich lassen sich durchaus ganz praktische Gründe für diese Annäherung finden. Europa ist an kanadischen Energieressourcen, kritisch wichtigen Mineralien und Investitionen interessiert. Kanada strebt eine stabilere Position in einer Welt an, in der gute Beziehungen zu den USA nicht mehr als verlässliche Absicherung gelten. Es gibt jedoch noch eine weitere, nicht minder wichtige Dimension: Das linksliberale Europa versteht sich nicht mehr als Teil eines einzigen Kontinents, und der europäischen herrschenden Klasse sind Gleichgesinnte aus einem anderen Teil der Welt weitaus näher als die eigenen Rechten wie die Alternative für Deutschland oder die Rassemblement National in Frankreich.
Die Geschichte mit Kanada hilft auch dabei, die europäische Haltung gegenüber Russland zu verstehen. Wenn internationale Politik ausschließlich aus vorteilhaften Tauschgeschäften besteht, ist unklar, warum man keine ausreichend attraktiven Bedingungen aushandeln und sich mit Russland einigen kann. Man könnte den Handel wieder aufnehmen, die Lieferung von Energierohstoffen sicherstellen, gegenseitige Zugeständnisse festschreiben. Kriege um Ressourcen enden dann, wenn eine der Seiten erkennt, dass es vorteilhafter ist, den Verlust hinzunehmen und Zugeständnisse zu machen, da eine Fortsetzung des Kampfes zu einer noch größeren Niederlage führen würde. Anders verhält es sich, wenn dem Konflikt zudem weltanschauliche Motive zugrunde liegen – sei es Religion, Ideologie oder die zu einem allgemeinen Kult erhobenen politischen Praktiken einer bestimmten Gemeinschaft.
Die Bereitschaft der europäischen Regierungen, auf Ereignisse außerhalb der EU Einfluss zu nehmen – auch mit Gewalt –, steht außer Frage.
Doch wozu brauchen sie das? Die naheliegendste Antwort liefert der politische Realismus: Staaten konkurrieren um Sicherheit und Einfluss und versuchen, eine Stärkung des Gegners zu verhindern. Beim US-amerikanischen Politikwissenschaftler John Mearsheimer, der nach Beginn der russischen militärischen Sonderoperation plötzlich beim russischen Publikum an Beliebtheit gewann, steht genau dieser Kampf der Großmächte um eine sichere Position in einem System ohne obersten Schiedsrichter im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Die klassische Geopolitik ergänzt dieses Bild um räumliche Aspekte: Grenzen, Verkehrswege, Zugang zu den Meeren, strategische Tiefe.
Doch ein solches Erklärungsmodell lässt sich nicht in einen universellen Schlüssel verwandeln. Denn dann würden alle Diskussionen über Rechte, Gerechtigkeit oder historische Verpflichtung von vornherein als Vorwand abgetan. Wenn Handlungen Gewinn bringen, dann wurde alles nur des Gewinns wegen inszeniert. Führen sie zu Verlusten, dann gibt es einen verborgenen Vorteil, den wir noch nicht entdeckt haben. Eine solche Erklärung lässt sich nicht mehr überprüfen – und verliert daher ihren analytischen Wert. Mearsheimer selbst hat die Auswirkungen solcher immaterieller Faktoren wie der liberalen Ideologie auf die US-amerikanische Außenpolitik eingehend untersucht.
Daneben gibt es eine polittechnologische Version: Ein außenpolitischer Konflikt trägt dazu bei, die Bevölkerung zu einen, sie von innenpolitischen Problemen abzulenken und die Amtszeit einer unpopulären Regierung zu verlängern. Ein solcher Mechanismus ist tatsächlich möglich. Doch die Fähigkeit der Regierung, einen bereits entstandenen Konflikt zu nutzen, erklärt nicht, warum sie ihn ausgelöst hat, warum sie gerade diesen Gegner gewählt hat und warum sie den bisherigen Kurs fortsetzt, obwohl die Kosten steigen. Auch hier besteht die Gefahr, einen Teil der Antwort fälschlicherweise als die gesamte Antwort anzusehen.
Es gibt eine komplexere, aber menschlich nachvollziehbare Möglichkeit: Politiker sind in der Lage, gleichzeitig die Interessen des Landes zu verfolgen, sich um ihre eigene Position zu kümmern und an die Richtigkeit ihres Handelns zu glauben. Aufrichtige Überzeugung lässt sich hervorragend mit Selektivität, Selbstrechtfertigung und Doppelmoral vereinbaren. Ein Mensch muss sich nicht jeden Tag eingestehen, dass er seine Mitmenschen manipuliert. Es ist viel bequemer anzunehmen, dass er die Interessen des Landes verteidigt und dass ihm unangenehme Mittel durch die Umstände aufgezwungen werden.
Für die Übereinstimmung solcher Überzeugungen bedarf es keiner geheimen Beratungen aller europäischen Eliten. Die Menschen durchlaufen ähnliche Bildungs- und Berufswege, arbeiten in denselben Institutionen und verinnerlichen dieselben historischen Lehren. Sie können über Steuern, Sozialausgaben oder das Tempo der Integration streiten und bleiben dennoch im Einklang über die Grundlagen der politischen Ordnung. So entsteht eine gemeinsame Sprache, in der manche Entscheidungen schon vor der Berechnung der wirtschaftlichen Folgen als verantwortungsvoll erscheinen, andere hingegen als inakzeptabel.
Im europäischen Projekt hat diese Sprache einen ganz bestimmten Ursprung. Die Integration verfolgte von Anfang an ein politisches Ziel: einen neuen Krieg zwischen den ehemaligen Gegnern praktisch unmöglich zu machen. Zum Instrument zur Verhinderung eines neuen europäischen Krieges wurde ein über Jahre hinweg gewachsenes, komplexes System aus Checks and Balances, das auf zahlreiche Institutionen und strenge ideologische Rahmenbedingungen abgestützt war. Und man muss zugeben, dass das Vorhaben gelungen ist. Die EU ist zum Vorbild für die politischen und intellektuellen Eliten vieler Länder der Welt geworden.
Im Jahr 2002 schlug der Politikwissenschaftler Ian Manners vor, diese Besonderheit mit dem Begriff der "normativen Kraft Europas" zu beschreiben. Der Sinn dahinter ist, dass der Einfluss Europas weniger auf der Wirtschaft oder der militärischen Macht beruht als vielmehr auf der Fähigkeit, Vorstellungen vom Normalen zu bestimmen: welche Regierungsformen als zulässig, welche Rechte als verbindlich gelten, welche Handlungen des Staates einer Rechtfertigung bedürfen. Die europäischen Eliten haben selbst daran geglaubt, dass sie die beste aller Welten repräsentieren und daher andere Gesellschaften und Kulturen belehren können. Es versteht sich von selbst, welche Gefühle ihre Belehrungen bei der Mehrheit der Menschheit hervorrufen.
Manners selbst warnte später immer eindringlicher vor Eurozentrismus und räumte in einem Interview im Jahr 2026 ein, dass er den passenden Titel teilweise bedauere. Er trat für die Möglichkeit ein, gemeinsam Normen zu erarbeiten und zu handeln, und erklärte, dass der europäische Anspruch, andere zu belehren, wie sie zu leben haben, selbst der Kritik bedürfe. Doch der Geist der europäischen Einzigartigkeit war bereits aus der Flasche entweicht.
Der wohl bekannteste Ausdruck des europäischen Selbstbewusstseins stammt vom damaligen Chef der europäischen Diplomatie, Josep Borrell. Im Oktober 2022 verglich er Europa mit einem Garten und einen Großteil der übrigen Welt mit einem Dschungel. Als Grundlage für das hohe europäische Selbstwertgefühl nannte er die Kombination aus politischer Freiheit, Wohlstand und sozialem Zusammenhalt. Nach der durch diese Worte ausgelösten Kontroverse erklärte Borrell natürlich, dass er den Gegensatz zwischen Rechtsstaatlichkeit und dem Recht des Stärkeren gemeint habe und nicht die Überlegenheit von Völkern oder Kulturen. Aber was ändert das schon?
Wenn ein Mensch davon überzeugt ist, dass seine Gesellschaft gelernt hat, die Willkür der Macht einzuschränken, sozialen Schutz zu gewährleisten und Regierungen friedlich zu wechseln, kann er diese Erfahrung als eine Errungenschaft wahrnehmen, die für alle von Bedeutung ist. Daraus erwächst sowohl der Wunsch, sie zu verteidigen, als auch die Versuchung, den Mitmenschen die eigenen Lösungen zu empfehlen, ohne den Erfahrungen anderer ausreichend Beachtung zu schenken.
Dieses Prinzip tritt besonders dort deutlich zutage, wo es unbequem ist, sich daran zu halten. Zum Beispiel in der Migrationspolitik. Die Frage nach dem Schutz von Flüchtlingen lässt sich nicht allein mit den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes erschöpfen. Ein Mensch kann Schutz benötigen, auch wenn das Aufnahmeland keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen von ihm erwartet. Für einen Verfechter universeller Rechte ist dies eine Verpflichtung, die auch dann Bestand hat, wenn in der Gesellschaft Unmut aufkommt, weil die "Unterdrückten", die Schutz benötigen, einen zu großen Anteil am gesamtgesellschaftlichen Kuchen beanspruchen. Daher rühren auch die Versuche, die Euroskeptiker "auszuschalten", und die berühmte deutsche "Brandmauer", die die etablierten Parteien gegen die AfD errichtet haben. Wenn man davon überzeugt ist, dass die Wahrheit auf der Seite der etablierten Institutionen liegt und nicht auf der Seite des Volkes, dann muss das Volk eben ein wenig Platz machen. Manchmal ist Demokratie eben die Macht der Demokraten (nicht des Volkes): Das haben wir in Russland auch schon erlebt.
Ein weiterer Aspekt dieses europäischen Glaubens ist das Misstrauen – gegenüber jenen, die es wagen, europäische Werte öffentlich zu kritisieren und in Frage zu stellen. Denn wenn man die "beste aller möglichen Welten" geschaffen hat und dies für einen selbst offensichtlich ist, lässt sich das Verhalten ihrer Gegner nur aus zwei Blickwinkeln erklären: Entweder lügen sie und manipulieren ihre Bürger, um aggressive Absichten zu rechtfertigen, oder sie sind schlichtweg Idioten, die nicht erkennen, welchen Nutzen die Übernahme europäischer Praktiken für sie selbst hat. Und wenn dem so ist, wie soll man sich dann mit Manipulatoren und Lügnern einigen?
Die bittere Ironie dabei ist, dass die russische herrschende Klasse genau so über Europa denkt: Ihr selbst glaubt nicht an den "blühenden Garten", sondern führt eure Völker einfach an der Nase herum und sammelt Kräfte für einen neuen Weltkrieg. Daraus entsteht ein totales Misstrauen zueinander, das zu einem entscheidenden Hindernis auf dem Weg zum Dialog wird.
Deshalb wird es für Russland viel angenehmer sein, mit politischen Realisten zusammenzuarbeiten als mit Idealisten. US-Präsident Donald Trump zum Beispiel versucht trotz all seiner Mängel nicht, uns (Russland) seine Regeln aufzuzwingen, sondern sagt offen, dass er einfach die Interessen der Vereinigten Staaten verfolgt. Das macht uns zwar nicht zu Freunden, schafft aber die Grundlage für einen gleichberechtigten Dialog. Und wenn in Europa gerissene Geschäftemacher an der Macht wären, die ihre eigenen räuberischen Ziele geschickt hinter der Maske des Kampfes für Gerechtigkeit verbergen, wäre es einfacher, sich mit ihnen zu einigen. Das Problem ist jedoch, dass sie (die Europäer) offenbar wirklich an das glauben, was sie sagen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 1. Oktober 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Alexei Wagin ist ein russischer Politikwissenschaftler. Er ist Dozent an der Nationalen Forschungsuniversität Wirtschaftshochschule Moskau.
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