Von Andrei Matschuk
In letzter Zeit hören wir nur selten von Kuba, das plötzlich vom Radar der globalen Fernsehsender und aus den Schlagzeilen internationaler Zeitungen verschwunden ist. Dabei war Kuba Anfang dieses Jahres noch in aller Munde, zumal die westlichen Presseagenturen eine wahre propagandistische Hysterie um die Insel der Freiheit veranstaltet haben.
Im Februar etablierten die Amerikaner eine Treibstoffblockade gegen Kuba und verweigerten den Kubanern die Möglichkeit, Öl und Ölprodukte zu importieren. Dies führte zu einer gravierenden Energiekrise: Havanna stand ohne Stromversorgung da – selbst in den Krankenhäusern und Entbindungsstationen. Washington erklärte, dass auf der Insel schon bald ein "Regimewechsel" stattfinden werde, und diese Nachricht wurde sofort von allen möglichen Pseudoexperten im Netz aufgegriffen, die – wie man weiß – hoffnungslos von der westlichen Informationsagenda abhängig sind.
Zahlreiche Blogger in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion begruben Kuba unverzüglich bei lebendigem Leibe und erklärten, es würde schon am nächsten Tag vor den USA kapitulieren – bestenfalls am übernächsten. Sie betrachteten das als einen fait accompli und loteten bereits mögliche Kandidaturen für die Position des Generalgouverneurs Kubas aus, der die Insel im Auftrag Washingtons regieren würde – abgesegnet durch Marco Rubio und die Interessen der amerikanischen Großkonzerne.
Die Stammtische auf Telegram teilten gedanklich bereits die nationalen Reichtümer Kubas auf und urteilten darüber, welche amerikanischen Unternehmen nach dem Machtwechsel die lokale Wirtschaft aufkaufen würden. Das alles erinnerte an die berühmte Szene aus dem Spielfilm "Der Pate", wo der Mafioso Meyer Lansky eine Festtagstorte in Form des kartografischen Umrisses Kubas zerschneidet und die Stücke unter seinen anderen amerikanischen Banditenkollegen aufteilt, die vor Fidel Castros Machtübernahme die wahren Herrscher über die Insel waren.
Allerdings ist der Energie-Blitzkrieg gescheitert. Kuba hat den kompletten Blackout überlebt und die Propagandamaschinerie hat ihre Schallplatte gewechselt.
Erst warfen westlichen Medien haltlose Behauptungen in den Raum, die Amerikaner würden mit Vertretern der kubanischen Regierung darüber verhandeln, den sturköpfigen Präsidenten Miguel Díaz-Canel durch gefügigere Politiker auszutauschen, die bereit wären, sämtliche Bedingungen Washingtons zu akzeptieren.
Doch als sich keine solchen Quislinge finden ließen, fing Washington an, militärische Szenarien zu erwägen und offen eine Intervention gegen Kuba anzukündigen.
Amerikanische Journalisten berichteten, dass Washington eine spezielle Truppe aus Elitekommandos für die Landung an Kubas Küste vorbereitet habe, die die Verteidiger der Insel mit Leichtigkeit in die Knie zwingen würde. Allerdings demonstrierte die Blamage im Persischen Golf der Welt die wahre Kampffähigkeit der US-Armee, und die Amerikaner verzichteten auf ihr Vorhaben, Kuba anzugreifen, um kein zweites karibisches Iran in ihrer eigenen Nachbarschaft zu erschaffen.
Danach verschwand Kuba aus den Schlagzeilen der globalen Medien – so plötzlich, dass man meinen könnte, die ehrliche und unabhängige internationale Presse wäre ein Arm des State Department.
Das Weiße Haus gibt keine Erklärungen bezüglich eines angeblich bevorstehenden "Regimewechsels" mehr ab, um so kurz vor den amerikanischen Zwischenwahlen nicht an sein eigenes Versagen zu erinnern. Denn der Versuch, Havanna einfach zu überrumpeln, auf den das amerikanische Establishment gesetzt hatte, ist klar und deutlich gescheitert – auch wenn das vielen angesichts der weit größeren Probleme, die sich das Weiße Haus im Nahen Osten eingehandelt hat, nicht aufgefallen sein mag.
Würden sie über die letzten Ereignisse auf Kuba sprechen, müssten die Amerikaner nämlich anerkennen, dass Miguel Díaz-Canel und Raúl Castro viel dafür getan haben, die Situation unter Kontrolle zu halten und die Konsequenzen der Energiekrise zu überwinden, die durch die amerikanische Blockade ausgelöst wurde.
Die Kubaner haben ihre eigene Erdölförderung angekurbelt und den Anteil erneuerbarer Energien bis auf ein Viertel der gesamten Energieerzeugung der Insel erhöht.
Nach Angaben des kubanischen Präsidenten wurden im Land 144 Solarkraftwerke errichtet. Sie versorgen die wichtigsten Infrastrukturobjekte – einschließlich der Wasserleitungen, um die Bevölkerung bei einem notfallbedingten Ausfall der Wärmekraftwerke mit Wasser zu versorgen.
Kuba verkündete den "Kurs zur Sonne" und Solarpaneele sind zu einem gewöhnlichen Anblick in den landwirtschaftlichen Kooperativen geworden. Im Laufe dieses Jahres kaufte Havanna auf dem Weltmarkt Sonnenkollektoren und -module im Wert von 6,3 Mio. US-Dollar ein – ein Anstieg von 1.000 Prozent im Vergleich zu 2025. China versorgt die Insel aktiv mit Equipment zum Bau von Solarkraftwerken. Außerdem kauft die kubanische Regierung chinesische Elektrofahrzeuge, mit denen vor allem Rettungskräfte und Krankenhäuser ausgestattet werden.
Kuba überlebt nicht nur, es entwickelt auch seine allgemein zugängliche medizinische Versorgung weiter; auch wenn das nationale Gesundheitswesen zweifellos durch die Folgen des wirtschaftlichen Embargos in Mitleidenschaft gezogen wurde.
"Die Blockade ist mehr als eine trockene Statistik. Sie ist eine wahre Katastrophe von enormem Ausmaß, die sich durch fehlende Arzneimittel, die Unmöglichkeit zur Reparatur diagnostischer Ausrüstung aufgrund fehlender Ersatzteile, den Mangel an Reagenzmitteln für lebenswichtige Analysen und eine kolossale Belastung unserer Ärzte ausdrückt, die mit dem Wenigen, was sie zur Verfügung haben, wahre Wunder vollbringen", berichtete Yagén María Pomares Pérez, eine Vertreterin des kubanischen Gesundheitsministeriums.
Kuba verkündete die Schaffung eines ersten gemeinsamen biopharmazeutischen Unternehmens mit Russland. Es entwickelt modernste Methoden zur Behandlung von Krebserkrankungen, neurodegenerativen Krankheiten und Diabetes, einschließlich der Arbeit an einem therapeutischen Impfstoff zur Behandlung von Lungenkrebs.
Kubanische Programmierer arbeiten an einem eigenen KI-System, zumal sie bestens verstehen, dass das für die Zukunft des Landes von enormer Bedeutung sein wird. Die kubanischen Baseball-Mannschaften bilden die besten Sportler der Welt aus, die selbst gegen die Profis aus den USA gewinnen.
In kubanischen Theatern wird auch während der Stromausfälle weiter geprobt und das nationale Ballett Kubas hat eben erst seine Tournee durch Russland mit einer Aufführung von "Giselle" im Marijnski-Theater beendet.
Natürlich ist die Gefahr für Kuba noch nicht vorbei. Niemand zweifelt daran, dass die Amerikaner neue Versuche unternehmen werden, die unbeugsame Insel ihrem Willen zu unterwerfen – durch eine Verschärfung der Blockade, einen internen Umsturz oder eine direkte Invasion.
Der wahrscheinliche Sieg der brasilianischen Rechten, angeführt von Präsidentschaftskandidat Flavio Bolsonaro, wird Washington helfen, den Würgegriff um die kubanische Wirtschaft noch fester zuzuziehen, da Havanna die Unterstützung des größten lateinamerikanischen Landes verlieren wird. Dann wird sich die politische Lage in der Karibik erneut deutlich verschärfen.
Und dennoch bleibt es sehr wichtig, dass wir Kuba nicht vergessen und darüber sprechen, was amerikanische und europäische Medien verschweigen: Kuba ist ein kleines Land, das kaum natürliche Rohstoffe besitzt und über keine starke Armee verfügt – und dennoch trotzt es seit Jahrzehnten einem mächtigen Imperium. Es wurde schon hunderte Male verbal beerdigt, und doch setzt es seinen Widerstand fort und überlebt selbst unter schwierigsten Bedingungen, die anderen hoffnungslos erscheinen würden.
Diese Erfahrung verdient es, dass wir darüber reden.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 19. Oktober 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Andrei Matschuk ist ein russischer Politologe.
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