Europa

Juwelendiebe erschossen: Legitime Verteidigung oder Selbstjustiz?

Ein Juwelier erschoss zwei Räuber, die seinen Laden überfallen hatten. Selbstjustiz oder Selbstverteidigung? In Italien wird darüber gerade heftig gestritten. Aber auch der US-Milliardär Elon Musk hat sich in diese Geschichte eingemischt …
Juwelendiebe erschossen: Legitime Verteidigung oder Selbstjustiz?© aus sozialen Medien

Es ist ein Raub aus dem Jahr 2021, der in Italien derzeit eine heftige Debatte über legitime Verteidigung und Selbstjustiz entfacht hat. Der Fall bewegte die Gemüter in Italien schon länger: Ein Juwelier im Piemont hatte zwei von drei Räubern erschossen, die sein Juweliergeschäft überfallen und dabei seine Frau und seine Tochter bedroht hatten.

Seit damals zog sich der Fall durch die Instanzen; jüngst erfolgte ein letztinstanzliches Urteil, das nicht nur den Juwelier wegen Totschlags zu 15 Jahren Haft verurteilte, sondern zudem Entschädigungszahlungen von 780.000 Euro festsetzte, die er an die Angehörigen der Räuber zu leisten habe.

Angefeuert wurde das Thema nun erneut unter anderem durch einen Post von Elon Musk auf X:

"Das ist verrückt! Der Richter und der Staatsanwalt in diesem Fall sind die, die dieses Urteil verdient hätten!"

Die Begründung des Gerichts lautete, als Selbstverteidigung könne nur eine Handlung gelten, die in Gegenwart einer Gefahr erfolge; zum Zeitpunkt der Schüsse (den man im Video sehen kann) sei die Gefahr bereits vorüber gewesen, daher habe der Juwelier Selbstjustiz begangen.

Der Mann war im Jahr 2015 schon einmal überfallen worden; dabei wurde ebenfalls seine Tochter bedroht und er wurde verletzt. In der Verhandlung war wohl die Rede von einem Nasenbeinbruch, in anderen Aussagen sprach der Juwelier Mario Roggero allerdings zusätzlich von drei gebrochenen Rippen und einer Operation an der Schulter als Folge dieses Überfalls.

Das Gericht betont, es habe die Traumatisierung durch den vorhergenden Raub in Betracht gezogen, sonst wäre die Strafe noch höher ausgefallen. Roggero, mittlerweile 72, hat einen Spendenaufruf im Internet gestartet, um die Entschädigung zu finanzieren. Allerdings wurde das Spendenkonto in Tunesien mit einem Stand von 50.000 Euro beschlagnahmt. 300.000 Euro hatte Roggero bereits durch den Verkauf von Immobilien aufgebracht.

Auch in der italienischen Politik verursacht die Geschichte Unruhe. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat auf den Post von Musk geantwortet. Dabei spielt sie mit Gesetzentwurf zur Sicherheit (Disegno di leege (Ddl) Sicurezza) auf eine Gesetzesänderung an, die in den letzten Tagen bereits in Reaktion auf den Fall beschlossen wurde:

"Du greifst mich an. Ich wehre mich. Und ich soll dich entschädigen? Das ist nicht gerecht. Mit dem letzten Ddl Sicherheit führen wir eine Regel von reinem gesundem Menschenverstand ein: Wer einen Schaden erleidet, während er ein Verbrechen begeht, kann keinen Schadensersatz verlangen, noch können es seine Familienmitglieder. Wer das Gesetz verletzt, kann nicht verlangen, von dem entschädigt zu werden, der sich verteidigt hat. Der Staat steht auf der Seite der anständigen Menschen. Nicht der Kriminellen."

Während Meloni und Matteo Salvini eine Begnadigung von Roggero durch den italienischen Präsidenten anstreben, äußerte sich Tommaso Calderone, Abgeordneter der Partei Forza Italia, die Teil der Regierungskoalition ist, ausgesprochen scharf dagegen:

"Keine Gnade für Roggero. Er tötete zwei Räuber auf der Flucht im Stil von Corleone."

Er wandte sich auch gegen die Sammlung von Unterschriften im italienischen Parlament für eine Begnadigung: "Eine Begnadigung ist das Vorrecht des Präsidenten der Republik, eine ernste Angelegenheit, wir reden hier nicht um eine Unterschriftensammlung für die Organisation eines Dorffestes." Calderone sieht in dem Vorfall einen Doppelmord; der Juwelier hätte die Tür schließen und die Sache der Polizei überlassen sollen.

Nicola Fratoianni, ein Abgeordneter der rot-grünen Oppositionspartei AVS, nannte das ganze Thema "eine Kampagne der Rechten gegen Mattarella, den Präsidenten der Republik, und gegen die Gesetze unseres Landes".

Justizminister Carlo Nordio hat ein Begnadigungsverfahren eingeleitet. Präsident Sergio Mattarella, einer der Gründer der ebenfalls oppositionellen PD und seit dem Jahr 2015 italienisches Staatsoberhaupt, bestellte ihn daraufhin ein. Ob er Roggero begnadigen wird, ist unbekannt. In Ermangelung entsprechender Umfragen lässt sich auch nicht erkennen, ob die Mehrheit der Italiener eine solche Begnadigung begrüßen würde oder nicht. Das Thema jedenfalls wird noch weiter die Debatte bestimmen.

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