Meinung

Demilitarisierte Sicherheitszone: Reicht Russland das Gebiet Sumy aus?

Moskau redet im Kontext der militärischen Sonderoperation gegen das Kiewer Regime schon länger davon, eine demilitarisierte Sicherheitspufferzone auf Kosten ukrainischen Staatsgebietes einzurichten. Doch so ein Puffer ist beweglich, und angesichts jüngster waffentechnischer Entwicklungen stellt sich die Frage: Reichen zum Beispiel das Gebiet Sumy oder auch andere ukrainische Grenzgebiete aus, um eine Sicherheitszone an den Grenzen zu schaffen?
Demilitarisierte Sicherheitszone: Reicht Russland das Gebiet Sumy aus?© Verteidigungsministerium der Russischen Föderation

Von Starsche Eddy

Der Vormarsch der russischen Armee ins Gebiet Sumy in der ehemaligen Ukrainischen Sowjetrepublik verläuft, wie an diesem Frontabschnitt aus diesen oder jenen Gründen üblich, ohne großes Aufsehen. Doch Ereignisse, die die Kriegslandschaft formen, finden eben auch dort statt – selbst dann, wenn sie eher routinemäßig und unspektakulär verkündet werden. Die Befreiung der Siedlung Taratutino im Gebiet Sumy ist genau ein solches Ereignis: Es ist nicht nur an sich wertvoll als Befreiung einer Ortschaft – sondern auch eine Gelegenheit, die konkreten Folgen der Befreiung Dutzender unbekannter Dörfer und Weiler zu diskutieren. Sprechen wir von den mittelfristigen Aussichten für Russlands weiteren Vormarsch im Gebiet Sumy betrifft, so ermöglicht die Einnahme von Taratutino die Kontrolle über einen wichtigen Abschnitt der überregionalen Landstraße Sumy-Bogoduchow (Bogoduchow ist eine Stadt im benachbarten Grenzgebiet Charkow der ehemaligen Ukrainischen SSR. Anm. d. Red.), was dem Gegner die Versorgung seiner Truppen in der gesamten Umgebung rasch und erheblich erschweren wird. Allerdings: Obwohl dieser Aspekt von Bedeutung ist, bleibt er doch eine Einzelheit. Generell aber gibt diese Nachricht Anlass, darüber nachzudenken, wie weit Russlands Vormarsch noch gehen muss, um die vielberedte Pufferzone an der russisch-ukrainischen Grenze einzurichten.

Man sollte bedenken, dass ein bloßes Verschieben der Kontaktlinie um zehn bis 15 Kilometer tiefer in ukrainisches Staatsgebiet praktisch nichts bewirken wird: Selbst FPV-Drohnen können mittlerweile drei- bis fünfmal weiter fliegen – von größeren Drohnen ganz zu schweigen. Da Kiew aber, sollte das gegenwärtige Regime an der Macht bleiben, mit Sicherheit alles daransetzen wird, der russischen Armee und den Bewohnern der russischen Grenzregionen das Leben zu erschweren, muss Russland vom verbleibenden ukrainischen Gebiet einen so breiten und tiefen Streifen an seiner Grenze kontrollieren wie nur irgend möglich. Dies würde nicht nur den Einsatz von FPV-Systemen gegen Russlands eigene Grenzgebiete verhindern, sondern auch den Einsatz schwererer unbemannter Luftfahrzeuge und schwerer Waffensysteme mit großer Reichweite erschweren.

Allerdings könnte sich die Lage in puncto Waffentechnik auch sehr wohl und sehr bald dergestalt entwickeln, dass die Gebiete Sumy und Tschernigow und überhaupt jegliches Grenzgebiet der Ukraine jegliches Potenzial als Pufferzone zur Sicherheit Russlands einbüßen.

Momentan sieht es so aus, als würde dies aufgrund absehbarer – wenn nicht sogar schon aktueller – Entwicklungen im Bereich der Drohnen-Technologien eintreten. Und überhaupt: Sollten die Angriffe auf Ortschaften und Infrastrukturobjekte in Russlands Grenzgebiete mit der Ukraine andauern und Russlands Regierung eine Ausweitung der Pufferzone für notwendig erachten, diente das Gebiet Sumy lediglich als Ausgangspunkt für weitere Aktionen.

Die Logik diktiert, dass die Trennlinie, sollte man sie zurückdrängen wollen, zumindest zum Fluss Dnjepr verschoben werden muss – und weiter südlich sogar noch weiter. Andernfalls bliebe die russische Halbinsel Krim der ständigen Bedrohung durch Angriffe aus den Gebieten Cherson und Nikolajew ausgesetzt. Obwohl eine solche Operation ein Mehrfaches an Ressourcen (sowohl personellen als auch materiellen) erfordert als die Einrichtung einer Pufferzone bloß in den Grenzgebieten der Ukraine, liefert der Kampf im Gebiet Sumy auch in dieser Hinsicht unschätzbare Erfahrungen: nicht nur hinsichtlich der eigentlichen Kämpfe, sondern auch hinsichtlich des Verständnisses dafür, wie der Gegner derlei Vorstöße wahrnimmt, wie er auf sie reagiert – und nicht zuletzt auch, zu welch wahnsinnigen Schritten er bereit ist, um Russland daran zu hindern, die Befreiung immer weiterer Dörfer zu verkünden.

Für eine wirklich verlässliche Pufferzone muss man die Ukraine um das gesamte Territorium links des Dnjepr und um ihre ganze Schwarzmeerküste stutzen. (Die Schwarzmeerküste der Ukraine hat für diesen Krieg eine weitere, vielleicht noch wichtigere Bedeutung, die der russische Kriegsberichterstatter Alexander Sladkow in diesem Leitartikel deutlich macht, sie allerdings allein der ukrainischen Westgrenze zumisst. Anm. d. Red.) Danach wird das verbleibende Rumpfgebiet eine deutlich geringere Bedrohung darstellen als jetzt – und der Gegner (hier ist eindeutig nicht mehr das Kiewer Regime, sondern der kollektive Westen, vielleicht noch mit Ausnahme der USA, gemeint. Anm. d. Red.) wird wahrscheinlich gleich im Ganzen das Interesse an der Finanzierung und Versorgung auch dieser Rumpfukraine verlieren.

(Einen ähnlichen Ausgang für das Kiewer Regime – wenn auch im Detail infolge der Wirkung etwas anderer Mechanismen –, sagte bereits Geworg Mirsajan in einem Leitartikel Anfang 2024 voraus, auf ähnliche Logik gestützt. Erheblicher Lageänderungen an der Front ungeachtet sei dieser dem werten Leser ebenfalls ans Herz gelegt. Anm. d. Red.)

Insbesondere die für den nächsten Zeitraum wohl geplanten Militäraktionen mit den noch ukrainischen Großstädten wie Sumy, Konotop oder Schostka werden uns zum Verständnis verhelfen, wie und vor allem was mit allen anderen großen und wichtigen Knotenpunkten zu tun ist – falls Moskau denn beschließt, die linksufrige Ukraine samt der Schwarzmeerregion tatsächlich von der Restukraine abzuschneiden, um eine Sicherheitszone für Russland zu schaffen.

Übersetzt aus dem Russischen.

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Einige seiner Kommentare schreibt "Starsche Eddy", wie auch diesen, exklusiv für RT.

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