Meinung

China bietet jungen Wissenschaftlern aus aller Welt langfristig finanzierte Forschungsfreiheit

Seit die Volksrepublik China auch in Wissenschaft und Forschung zur neuen globalen Führungsmacht aufgestiegen ist, ist es endgültig mit dem "Brain Drain" in Richtung USA vorbei. Jetzt bietet China den weltweit klügsten jungen Wissenschaftler 15-jährige Forschungsstipendien an.
China bietet jungen Wissenschaftlern aus aller Welt langfristig finanzierte ForschungsfreiheitQuelle: Gettyimages.ru © Liu Ranyang/China News Service/VCG via Getty Images

Von Rainer Rupp

Als Amerika die klügsten Köpfe der Welt anzog

In den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die USA bekannte Professoren oder vielversprechende junge "Eierköpfe" aus den Fachbereichen "Wissenschaft und Forschung" aus Europa und anderen Ländern der Welt wie ein riesiger Staubsauger geradezu aufgesogen.

Nicht nur wurden in den Vereinigten Staaten die besten Gehälter gezahlt, sondern auch die Ausstattung der US-Forschungseinrichtungen war unschlagbar. Die Finanzierung von Forschungsprojekten schien unbegrenzt und der Lebensstandard und die Lebensbedingungen in den USA waren unvergleichlich. In den Vereinigten Staaten von Amerika geforscht zu haben, hatte im alten Europa einen hohen Prestigewert und machte sich gut auf dem Lebenslauf jener, die nach Europa wieder zurückkehrten. Viele andere etablierten sich jedoch fest in den USA.

Damals sprach man von "Brain Drain". Der Begriff meint den Verlust von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Ärzten und anderen hochqualifizierten Fachkräften, deren Ausbildung die Steuerzahler in ihren jeweiligen Herkunftsländern viel Geld gekostet hat.

Das Gegenstück heißt "Brain Gain" – der Zugewinn derselben Personen im Zielland. Entstanden ist der Begriff im englischen Sprachraum Anfang der 1960er-Jahre. Das Oxford English Dictionary verzeichnet den frühesten Beleg im Jahr 1960. Breit bekannt wurde er durch die Debatte in Großbritannien, wo schon in den 1950er Jahren die Sorge wuchs, dass britische Wissenschaftler und Techniker in die USA und nach Kanada abwanderten. Ein Bericht der Royal Society von 1963 über diese wissenschaftliche Emigration machte den Begriff "Brain Drain" einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Der Brain Drain kehrt sich um – USA verlieren an Anziehungskraft

Dieser Brain Drain in Richtung USA ist seit einiger Zeit vorbei. Im Laufe der 1980er Jahre begann er abzuflachen. Vor dem Hintergrund zunehmender sozialer Spannungen, gesellschaftlicher Polarisierung und wachsender finanzieller Probleme, auch im US-Wissenschaftsbereich, ist der einstige Brain Drain von Europa in die USA schon seit vielen Jahren auf das Niveau eines normalen wissenschaftlichen Austauschs gesunken, während das Problem für asiatische Länder weiterbestand, die ihre klugen Köpfe an die USA verloren.

Interessanterweise lässt sich jedoch feststellen, dass es vor allem Akademiker aus China waren, die mit der wachsenden, von der Washingtoner Politik geschürten antichinesischen Stimmung im Land nicht zurechtkamen und daher seit einigen Jahren verstärkt in ihre Heimat zurückkehren. Zugleich hat die Trump-Administration die Visa-Vergabe an chinesische Forscher und Studierende erheblich eingeschränkt. Das führte zu einer Warnung des ehemaligen Google-Chefs Eric Schmid, dass Washington mit diesen anti-chinesischen Maßnahmen vor allem dem wissenschaftlichen Fortschritt in den USA schaden und nicht China.

Washingtons Eigentor: Wie die USA wissenschaftliche Spitzenkräfte vergraulen

Schon in der ersten Amtszeit von Donald Trump waren tausende Visa vor allem von Graduierten aus bestimmten chinesischen Hochschulen widerrufen worden (Proclamation 10043 von 2020).

Hinzu kamen 2025 breitere Hürden, die nicht nur China betreffen: zeitweise ausgesetzte Visainterviews, Überprüfung des Antragstellers auf seine politische Haltung in Social-Media-Apps und eine Gebühr von 100.000 Dollar für neue H-1B-Visa-Anträge.

In Trumps zweiter Amtszeit hat sein Außenminister Marco Rubio am 28. Mai 2025 angekündigt, Visa chinesischer Studierender "aggressiv zu widerrufen", und zwar bei Verbindungen zur Kommunistischen Partei oder bei einem Studium in "kritischen Fachrichtungen" (critical fields). Zugleich sollten alle künftigen Anträge aus der Volksrepublik und Hongkong schärfer geprüft werden. Was "critical fields" genau umfasst, wurde nicht definiert; gemeint sind offensichtlich vor allem sensible Technikbereiche wie Halbleiter, Luft- und Raumfahrt oder Dual-Use-Forschung.

Eric Schmidt warnt seit Jahren vor den negativen Folgen dieser Politik für die USA. 2019 sagte Schmidt, Beschränkungen beim Anwerben chinesischer Spitzenkräfte schadeten der US-Tech-Branche. 2020 nannte er Bestrebungen, chinesischen Studierenden den Zugang zu kürzen, "gegen unser eigenes Interesse", weil viele der besten Graduierten in US-Labors aus China kämen. Im Jahr 2023 schrieb er in Foreign Affairs, Washington müsse chinesische Wissenschaftler eher anziehen als aussperren, sonst entstehe der größere Schaden langfristig in den Vereinigten Staaten.

Peking setzt auf Zusammenarbeit statt Ausgrenzung

Und nun bietet China Wissenschaftlern aus aller Welt, die jünger als 35 Jahre sind, langfristige finanzielle Unterstützung für ihre Forschungsprojekte an, ganz ohne kurzfristige Leistungsbeurteilungen. Allerdings wird eine physische Laborpräsenz der Forscher vor Ort in der Volksrepublik gefordert.

Chinas ungewöhnliches Programm zielt darauf ab, nicht nur die klügsten jungen Wissenschaftler der Welt zu fördern und damit nicht nur für sich zu gewinnen, sondern auch in deren Herkunftsländern, wohin die jungen Leute zurückkehren, langfristig Wissenschaft und Forschung zu stärken und zu internationalisieren. Das ist ein typisches Beispiel für Chinas Beziehungen mit dem Ausland.

Es ist eine Politik, die stehts auf eine Win-Win-Situation zielt, auf ein Arrangement, bei dem beide Seiten gewinnen.

Win-Win statt Nullsummenspiel: Zwei gegensätzliche Vorstellungen von Weltpolitik

Im krassen Gegensatz zu dieser Win-Win-Politik steht das neo-liberale Nullsummen-Credo der westlichen Imperialisten, das davon ausgeht, dass jeder Gewinn des anderen die eigene Position schwächt. Des versuchen die westlichen Imperialisten seit eh und je – ihre designierten Gegner klein zu halten und sie zum Beispiel vom Zugang zu Energie und anderen wichtigen Produkten abzuschneiden, die für die wirtschaftliche und technologische Entwicklung eines Landes benötigt werden.

Ein weiteres Beispiel für die chinesische Win-Win-Politik sind die Hilfen zur Umsetzung gigantischer Infrastrukturprojekte in den Ländern des "Globalen Südens"; angefangen bei Brücken, Straßen und Eisenbahnlinien über den Bau von Universitäten und Schulen bis hin zu modernen Krankenhäusern. Natürlich hat China bei diesen langfristigen Unternehmungen auch einen Vorteil im Auge, etwa den Zugang zu und den Abtransport von Rohstoffen. Doch im Unterschied zum westlichen Neokolonialismus bleiben die Rohstoffvorräte im Eigentum der jeweiligen Nationalstaaten.

Zu diesem Win-Win-Konzept gehört auch, dass China in diesen Ländern neue Märkte für seine Produkte schafft. Denn dank des von China initiierten Wirtschaftswachstums im Globalen Süden kann sich die Bevölkerung dieser Länder zum ersten Mal eines bescheidenen Wohlstands erfreuen und sich auch einige der von der ganzen Welt begehrten Konsumprodukte aus China leisten.

Während Washington Talente aussperrt, bietet China ihnen 15 Jahre Zukunft

Wenn wir uns das neue chinesische Angebot an junge Forscher aus aller Welt anschauen, dann zeichnet sich auch hier wieder ein deutlicher Unterschied zum den westlichen Herangehensweise ab, die kurzfristig plant, schnelle Ergebnisse verlangt zwecks kommerzieller Verwertung.

Im Rahmen des neuen chinesischen Programms können sich die ausgewählten Wissenschaftler unter 35 Jahren ganz auf ihre Forschung konzentrieren, ohne ständig über Förderanträge, kurzfristige Ergebnisse oder Leistungsbewertungen nachdenken zu müssen. Denn für die nächsten 15 Jahre ist ihre finanzielle Unterstützung sicher.

Organisiert wird das Programm von der National Natural Science Foundation of China (NSFC), der wichtigsten Einrichtung des Landes für die Förderung der Grundlagenforschung. Deren Direktor Dou Xiankang beschreibt die Idee als bemerkenswert einfach: Außergewöhnlich talentierte junge Wissenschaftler finden, ihnen Geld und Zeit geben und es ihnen erlauben, neue Ideen zu verfolgen.

Während der gesamten 15 Jahre werden die Forscher nicht nach den üblichen kurzfristigen Maßstäben beurteilt, etwa danach, wie viele Aufsätze sie veröffentlichen oder ob sie rasch kommerziell verwertbare Entdeckungen liefern. Nach Dous Angaben besteht die wesentliche Anforderung im Grunde darin, dass sie weiter im Labor arbeiten.

"Es stört uns nicht, wenn es keinen kurzfristigen Erfolg gibt", sagt er. Entscheidend sei, dass die Forscher die Möglichkeit haben, sich niederzulassen und sich auf ihre wissenschaftliche Arbeit zu konzentrieren.

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