Meinung

China bestraft Weltstar für seine Respektlosigkeit

Weltfußballstar Kylian Mbappé und die gesamte höchste spanische Fußballliga entschuldigten sich beim chinesischen Volk nach einer "Vorzeigezüchtigung" durch Peking. Als Wirtschaftsmacht will China dem Westen einiges klarmachen. Und sich für manches rächen.
China bestraft Weltstar für seine RespektlosigkeitQuelle: TASS © Oscar Manuel Sanchez/Zuma

Von Geworg Mirsajan

Mbappés Geschichte ist nicht einfach nur die Geschichte eines kurzsichtigen Fußballers, der wegen einer einzigen Äußerung Geld und Ansehen einbüßte. Im Vergleich zu vielen seiner Kollegen unter den Stars des Weltfußballs wirkt er vielmehr wie eine durchaus reflektierte Persönlichkeit: Er verfügt über eine eigene Wohltätigkeitsstiftung und gerät normalerweise kaum in Skandale.

Es ist eine Geschichte über eine Art Revanche des "Großen Chinas". Und darüber, wie die allmächtigen westlichen Akteure, die an Doppelmoral und moralisierende Haltung gewöhnt sind, nun aus Angst vor enormen Verlusten gezwungen sind, sich zu erniedrigen.

Der Skandal begann, als Real-Madrid-Spieler Kylian Mbappé im Podcast "The Bridge" nach seinem Lieblingsmeme gefragt wurde. Er erzählte von einer Fotomontage, auf der sein Gesicht auf das Bild von "irgendeinem Typen – ich glaube, es war ein chinesischer Diktator" montiert war.

Es handelte sich um Mao Zedong. Auch wenn der "Große Steuermann" eine umstrittene Führungspersönlichkeit war und man ihm auch in China durchaus unterschiedlich gegenübersteht, ist es selbstverständlich nicht üblich, ihn herabzuwürdigen. Mehr noch: Es ist völlig ausgeschlossen. Denn wer Mao herabwürdigt, beleidigt damit auch die Volksrepublik China, die er gründete.

Daher ließ die Reaktion aus Peking nicht lange auf sich warten. In den Apps des chinesischen Staatsfernsehens CCTV wurden sämtliche Inhalte entfernt, die etwas mit Mbappé zu tun hatten. Seine offiziellen Accounts auf Weibo und Xiaohongshu mit einer Million Abonnenten wurden deaktiviert. Chinesische Unternehmen, darunter der führende Hersteller von Milchgetränken, Mengniu, kündigten ihre Werbeverträge mit ihm.

"Unser Unternehmen lehnt dies entschieden ab und verfolgt eine Politik der Nulltoleranz gegenüber jeglichem Verhalten, das die nationalen Gefühle verletzt", begründete die Führung von Dongpeng, einem weiteren führenden Unternehmen auf dem Getränkemarkt, ihre Haltung.

Diese Reaktion ist teilweise darauf zurückzuführen, dass Mbappé direkt auf den Flaschen prangte und das Unternehmen dadurch innerhalb Chinas zur Zielscheibe der Kritik wurde. Im Zuge des Skandals fielen die Aktien von Dongpeng an der Börse in Shanghai um 4,1 Prozent, die Aktien von Mengniu in Hongkong um rund drei Prozent.

"Worte und Handlungen, die die Gefühle des chinesischen Volkes verletzen, werden natürlich Protest in allen Teilen der chinesischen Gesellschaft hervorrufen", erklärte das chinesische Außenministerium diese Reaktion.

Doch dieser Protest beschränkte sich nicht auf Mbappé: In China setzte eine umfassende "Cancel-Kampagne" ein. Auch seine nicht-chinesischen Sponsoren bekamen die Folgen zu spüren. So brachen die Aktien von On Holding AG (einem Schweizer Sneaker-Hersteller, für den Mbappé als globaler Markenbotschafter tätig war) um 5,7 Prozent ein.

Und natürlich traf es auch die unmittelbaren Arbeitgeber des Franzosen Mbappé – den Fußballverein Real Madrid und die höchste spanische Fußballliga (La Liga). Die Chinesen beschlossen, Real und gleich die gesamte spanische La Liga in ihrem Land zu "canceln": Der staatliche Fernsehsender CCTV stellte die Übertragung der Spiele sämtlicher Mannschaften der höchsten spanischen Spielklasse ein.

Als Folge all dieser Maßnahmen zeigten schließlich sowohl der Schuldige als auch die Mitbetroffenen Reue.

Mbappé erklärte, seine Äußerungen über Mao seien "unangemessen" gewesen. "Jetzt verstehe ich, dass ich viele Menschen in China und in chinesischen Gemeinschaften auf der ganzen Welt verletzt habe. Ich entschuldige mich bei allen, die meine Worte gekränkt haben", sagte der Weltfußballstar. In China wurde diese Entschuldigung sehr positiv gewertet.

Auch der gänzlich unbeteiligte Fußballverein Real Madrid und La Liga entschuldigten sich. "Wir können nicht zulassen, dass die Äußerungen einer einzelnen Person die Beziehungen zu China beeinträchtigen oder den mehr als 20 Vereinen unserer Profiliga, unseren Partnern und vor allem den chinesischen Fans Schaden zufügen", heißt es in einer Erklärung von La-Liga-Präsident Javier Tebas.

Selbst der Macher von "The Bridge" entschuldigt sich. Und zwar bei allen – bei den Chinesen, bei Mbappé sowie bei "seinen Partnern und allen Institutionen, deren Beziehungen zu China und zum chinesischen Volk möglicherweise beeinträchtigt wurden".

Derzeit kritisieren westliche liberale Medien und Menschenrechtsaktivisten die Entschuldigungen, bezeichnen deren Handlungen als "Schande" und werfen ihnen vor, vor den Chinesen "die Knie zu beugen". Die Ironie besteht jedoch darin, dass Mbappé und La Liga keineswegs die Einzigen sind, die sich so verhielten, nachdem sie einen "Protest in allen Teilen der chinesischen Gesellschaft" ausgelöst hatten.

Im Jahr 2018 wurde Dolce & Gabbana in China "gecancelt", nachdem in einer Werbung der Marke ein chinesisches Model gezeigt worden war, das versuchte, Spaghetti mit Essstäbchen zu essen. Und das in einer Situation, in der auf China bis zu einem Drittel aller weltweiten Käufe von Luxusgütern entfiel.

In der Folge wurden die Produkte der Marke von Online-Plattformen entfernt, während eine Modenschau in Shanghai abgesagt wurde, nachdem chinesische Prominente sie boykottiert hatten.

"China ist reich an seinen Werten, seiner Kultur und seinen Menschen, und die Chinesen werden keinen Cent für eine Marke ausgeben, die dies nicht respektiert", erklärte eines der einheimischen Models.

Ebenfalls im Jahr 2018 geriet Mercedes in die Kritik – weil das Unternehmen in einer Autowerbung den Dalai Lama zitiert hatte, und zwar mit den Worten: "Betrachte die Situation von allen Seiten, und du wirst offener werden." Auch Mercedes musste sich entschuldigen.

Im Jahr 2019 veröffentlichte Daryl Morey, General Manager der Houston Rockets, einen Tweet zur Unterstützung der Proteste in Hongkong, was in China zur Aussetzung der Sponsorenverträge mit der NBA und zur Einstellung der Fernsehübertragungen der Spiele führte. Durch den Ausfall der Medienübertragungen und die anschließende Kündigung von Sponsorenverträgen gingen Hunderte Millionen US-Dollar verloren", räumte NBA-Commissioner Adam Silver ein.

Die Übertragungen wurden nach einiger Zeit wieder aufgenommen, doch erst sechs Jahre später konnte die NBA wieder Vorbereitungsspiele in China austragen.

Im Jahr 2021 bezeichnete der Schauspieler John Cena Taiwan als einen "Staat" – und musste daraufhin ein spezielles Entschuldigungsvideo aufnehmen. Schließlich ist der chinesische Filmmarkt nach dem US-amerikanischen der zweitwichtigste. "Man darf den chinesischen Topf nicht zerbrechen, solange man chinesischen Reis isst", schrieb einer der Kommentatoren unter Cenas Entschuldigungspost.

H&M und Nike sahen sich wegen ihrer Äußerungen zur Lage in Xinjiang mit einem Boykott chinesischer Verbraucher konfrontiert.

Der wohl brisanteste Fall betraf jedoch Louis Vuitton. Das Unternehmen wurde von den Chinesen gehatet, nachdem es einen Markenrechtsstreit gegen die einheimische Firma Molly Tea gewonnen hatte. In der Volksrepublik wurde dies als "ungerecht" empfunden, woraufhin die Umsätze von Louis Vuitton um mehrere Dutzend Prozentpunkte einbrachen.

Es scheint also, dass die Chinesen die enorme Größe ihres Marktes nutzen, um Weltstars und Marken vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben, was sie nicht sagen dürfen und welche Personen sie nicht zitieren sollen. "Weltweit bekannte Sportler müssen sich besonders strikt an die Grundsätze halten, sich rational äußern und ihren gesellschaftlichen Einfluss wertschätzen", heißt es in einer Erklärung des chinesischen Fußballverbands zu Mbappés Vorstoß.

Teilweise handelt es sich dabei um eine kulturelle Besonderheit. "Unsere politische Führung zu verspotten und zu verhöhnen, ist in liberalen Demokratien Teil des Alltags, dient als gesellschaftliches Sicherheitsventil und gilt als Beweis für Meinungsfreiheit. In China ist dies ein Tabu", schreibt Bloomberg.

Partiell ist die harte Reaktion aber auch eine Art Erbe des "Jahrhunderts der Demütigung", als China und sein Volk von den imperialistischen Mächten verspottet wurden – durch die Opiumkriege, die Aufteilung des Landes und anderes mehr. Diese Kränkung wurde zu einem Bestandteil des nationalen Selbstverständnisses. Und heute, da sich die Volksrepublik China zu einer wirtschaftlichen Supermacht entwickelt hat, können sich die Chinesen nicht nur gekränkt fühlen, sondern auch diejenigen bestrafen, die ihnen keinen Respekt entgegenbringen. Ihnen also die Möglichkeit zu nehmen, "chinesischen Reis" zu essen.

Im Großen und Ganzen kann man sich für die Chinesen nur freuen. Und ein bisschen neidisch sein.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 29. Oktober 2026 zuerst auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Mehr zum Thema – EU will Anfang 2027 weitere Importbeschränkungen gegen China einführen

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.